AUGUST 2012 – Kartoffeln vom Baum

In den Beständen des Kreisarchivs des Unstrut-Hainich-Kreises finden sich neben verwaltungstechnischem Schriftgut auch Dokumente, die auffallen, weil sie uns heute skurril oder ungewöhnlich erscheinen. Wird der Hintergrund dieser Schriftstücke betrachtet, wird Geschichte lebendig.

monat august 2012„Schafft mehr Nahrung! Sammelt die Kastanie! Sichert unsere Ernährungsgrundlage!“ Diese Losungen wurden ausgegeben in einem Aufruf des 1. Vizepräsidenten des Landes Thüringen Ernst Busse, zwischen Juli 1945 und Mai 1947. Das Dokument wurde im Kreisarchiv des Unstrut-Hainich-Kreises im Bestand der Gemeinde Hollenbach gefunden. Die betreffende Akte trägt die Signatur Gemeinde Hollenbach 11/29.

Der Aufruf ist nicht datiert. Von Busse ist allerdings die Amtszeit bekannt. Er wurde am 16. Juli 1945 Thüringer Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident. Im Mai 1947 schied er aus diesen Stellungen aus. Busse, Kommunist der ersten Stunde und KZ-Häftling unter den Nazis, geriet in einen stalinistischen Machtkampf innerhalb der SED. Er endete in einem sowjetischen Sonderlager in Sibirien nördlich des Polarkreises. Dort starb Busse am 27. Februar 1951. Erst am 31. Mai 1990 wurde er durch die Zentrale Schiedskommission der PDS rehabilitiert.

Der Aufruf Busses als stellvertretender Ministerpräsident an die Thüringer, Kastanienstärkemehl zu essen, enthält zehn Punkte. Alle Punkte sind voller Verheißungen aber auch voller Informationen.

Der erste Punkt lobt die Kastanie. So heißt es, das Kastanienstärkemehl sei allen anderen Nährmehlen bei weitem überlegen. „Demzufolge ist die Kastanie berufen, in Zukunft in unserer Ernährungswirtschaft eine ebenso große Rolle zu spielen, wie vor 400 Jahren die Einführung der Kartoffel.“ Den Hausfrauen wurde eine „ungeahnte Mannigfaltigkeit“ des „Küchenzettels“ angepriesen. Gemeint ist allerdings nicht die Marone, die Esskastanie, die wir naschen, heiß und lecker auf den süddeutschen Christkindelsmärkten. Gemeint ist der Samen unserer Rosskastanie.

Der zweite Punkt enthält wichtige Informationen über die Nachkriegszeit. Es heißt: „Ein Normalverbraucher erhält zurzeit [also zurzeit des Aufrufs] ca. 1300 Kalorien täglich.“ Dagegen wird der Gehalt der Kastanie gestellt: „1 kg Kastanien enthält ca. 4000 Kalorien.“ Das entspreche einer 3-tägigen Ration eines Normalverbrauchers. Geschlussfolgert wird: „Mit jedem nicht gesammelten Kilo Kastanien gehen der Ernährungswirtschaft 4000 Kalorien verloren. Das ist in der heutigen Zeit unverantwortlich.“

Ein „Normalverbraucher“ bekam damals also offiziell 1300 Kalorien täglich in den Magen. Heute wird auf einschlägigen Diät-Internetseiten und in entsprechenden Magazinen empfohlen, seinen Arzt um Erlaubnis zu fragen, wollte jemand täglich nur von dieser Menge Kalorien existieren. Nach heutiger Empfehlung für gesunde Ernährung (Grundumsatz) würden 1300 Kalorien pro Tag reichen für einen Mann mit 54 Kilogramm Körpergewicht.

Unter einem „Normalverbraucher“ verstanden die Behörden in der Nachkriegszeit einen Anspruchsberechtigten, der bei der Lebensmittelzuteilung nicht besonders begünstigt wurde. Mehr Nahrungsmittel zugeteilt bekamen Schwangere, Schwerstarbeiter und Kriegsversehrte. Übrigens: Der Name „Otto Normalverbraucher“ wurde berühmt durch den Film „Berliner Ballade“ von 1948. Dort spielte Gerd Fröbe einen Kriegsheimkehrer mit Namen Otto Normalverbraucher.

Die Punkte drei bis acht im Aufruf Busses regeln die Sammlung, Entlohnung und Verantwortung für das Sammeln und Trocknen von Kastanien. Gefordert wurde die Hilfe von Schulen und Bäcker-Innungsmeistern sowie der Raiffeisen-Genossenschaften. Pro Zentner Kastanien ausgelobt waren fünf Reichsmark sowie zweieinhalb Pfund Kastanienstärkemehl. Die Reichsmark galt in Thüringen bis 1948.

Wir wissen es, unsere heimische Rosskastanie hat sich als menschliches Nahrungsmittel nicht durchgesetzt. Wir raspeln weiter lieber Kartoffeln in unsere Thüringer Klöße.

Selbst Rothirsche und Schwarzkittel sind nicht wild auf einen Kastanien-Snack. Nur Damwild mag die Rosskastanie in größerer Menge. Wo es kein Damwild gibt, sind Förster oft wenig begeistert, wenn ihnen Kastanien gebracht werden. Das Wild wird nur gefüttert, wenn in besonders harten Wintern Hungergefahr besteht. Selbst dann werden eher Rüben und Heu angeboten. Kastanien schimmeln sehr leicht und bringen den Förstern meist mehr Sorgen als Nutzen. Wer Kastanien sammeln will, sollte vorher die Forstbehörden und andere Adressaten fragen, ob die Kastanien auch benötigt werden. Selbst die meisten Tiergärten und Zoos sind nur zögerliche Abnehmer.

Einen Bedarf an den dekorativen Samen des Kastanienbaumes hat allerdings die Kosmetik- und Pharmaindustrie. Die Samen enthalten Öle, die gern für Kosmetika genutzt werden. Farben, Schäume und Seifenpulver werden daraus hergestellt. Pharmaindustrie sowie Natur- und Volksmedizin nutzen die entzündungshemmenden Wirkstoffe für äußerliche und innerliche Anwendungen.

Als Nahrungsmittel oder gar Grundnahrungsmittel hat sich die Rosskastanie nicht durchgesetzt. Der Aufwand gilt als zu hoch, aus Rosskastanien massenhaft verwendbares Mehl für schmackhafte Speisen zu mahlen. Nützliche Inhaltsstoffe der Kastanie sind neben den erwähnten fetten Ölen vor allem Gerbstoffe, Saponine, Flavonoide, Cumarin und verschiedene Zuckerarten.

Der Aufruf des stellvertretenden Thüringer Ministerpräsidenten während der Nachkriegszeit, Kastanien-Mehl zu verwenden, zeigt das harte Leben der Deutschen in dieser Zeit. Die Behörden versuchten verzweifelt, mit dem Nahrungsmangel fertig zu werden. Politische Parolen und Behörden-Phantasie versuchten Realität zu ersetzen.

Aus den Samen der Rosskastanie mag verträgliches Mehl hergestellt werden können. Auch mag dieses Mehl taugen für Suppen und Gebäck. Der Aufwand war und ist aber viel zu hoch, um massenweise Kastanien organisiert zu sammeln und die meist feuchten Samen zu trocknen und richtig zu lagern. Damit überfordert waren wohl ebenfalls die im Aufruf angesprochenen Schulen, Bäcker-Innungsmeister und die Raiffeisen-Genossenschaften vor allem in der Nachkriegszeit.

Warum das Kastanien-Mehl, welches damals trotzdem auf dem „Küchenzettel“ der Hausfrau landete, nicht auf dem Küchenzettel blieb, das müssten uns Zeitzeugen erklären.

Michael Zeng

Wichtige Infos und Hinweise zum vorliegenden Text kamen von den Fachdiensten Bau und Umwelt sowie Veterinär und Lebensmittelüberwachung im Landratsamt.

Freundliche Auskünfte erteilte das Thüringer Forstamt Finsterbergen sowie das Thüringer Landesamt für Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz.

Die technische Umsetzung besorgte wieder Volker Mock, Landratsamt. Vielen Dank an alle Unterstützer.

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