SEPTEMBER 2013 - Nach Gutsherrenart

monat september 2013Wer sich für seine Heimat interessiert, hat bestimmt schon von sogenannten Gütern gehört: Gut Anrode, Gut Katharinenberg und so weiter. Wer sich dazu für schriftliche Quellen interessiert, stößt in den Akten auf Gutsbezirke. Was hat es mit Gütern und Gutsbezirken auf sich?

Am 16. März 1928 verkündete der Mühlhäuser Anzeiger, als Amtsblatt, die Auflösung der Gutsbezirke im preußischen Landkreis Mühlhausen, den gab es seit 1816.

Damit setzte der Kreisausschuss das entsprechende preußische Gesetz vom 27. Dezember 1927 um. Das „Gesetz über die Regelung verschiedener Punkte des Gemeindeverfassungsrechts" wurde am 29. Dezember 1927 im preußischen Gesetzblatt veröffentlicht. (Im Kreisarchiv unter G1.1./107)

Im Paragraph 11 Absatz 1 heißt es: „Die bestehenden selbständigen Gutsbezirke sind aufzulösen."

Absatz 2 erläutert: „Sie [die Gutsbezirke] sind entweder mit Landgemeinden oder Stadtgemeinden zu vereinigen oder mit anderen Gutsbezirken zu einer neuen Landgemeinde oder Stadtgemeinde zusammenzulegen oder allein für sich im ganzen oder in Teilen in Landgemeinden oder Stadtgemeinden umzuwandeln."

Absatz 3 erläutert das Ziel der Zusammenlegungen: „Bei dieser Regelung ist in erster Linie auf die Schaffung leistungsfähiger Gemeinden sowie darauf Rücksicht zu nehmen, daß einheitlich bewirtschafteter Grundbesitz einer und derselben Gemeinde zugelegt wird".

Landrat Pabst schlug dem Kreisausschuss vor, welche Gutsbezirke welchen Gemeinden zugeschlagen werden sollten. Der Kreisausschuss folgte der Vorlage. So wurde das Gut Anrode mit der Gemeinde Bickenriede vereinigt. Zu dieser Zeit stand es als Kreisgut im Eigentum der Kreisverwaltung. Das Gut Breitenbich kam zu Zella, das Gut Taubental ging in der Gemeinde Falken auf. Das Gut Katharinenberg kam zur gleichnamigen Gemeinde. Alle weiteren Regelungen sind im erwähnten Artikel des Mühlhäuser Anzeigers aufgelistet. Die Forstgutsbezirke Leinefelde und Ershausen fielen an mehrere Gemeinden. Die Auflösung betraf in Preußen um die 10.000 Gutsbezirke.

So lesen wir über das Ende der Gutsbezirke, aber was stand am Anfang?

Was ist ein Gutsbezirk? Es handelt sich um eine territorial-politische Verwaltungseinheit, ähnlich einer Landgemeinde. Allerdings gab es keinen Gemeinderat oder eine ähnliche Gruppe von gewählten Vertretern der Einwohner. Ein Gutsherr allein herrschte im Gutsbezirk. Er allein hatte alle Rechte und Pflichten inne. Er entschied alle Angelegenheiten „nach Gutsherrenart". Diese Macht über Menschen und Dinge wurde sprichwörtlich. Der Gutsherr war die Obrigkeit. Wie er mit den Menschen in seinen Diensten umging und den Gutsbezirk verwaltete, hing ab von seiner Persönlichkeit. Er konnte nicht abgewählt werden.

Neben den Gutsbezirken gab es aber auch schon im 19. Jahrhundert die preußische Landgemeinde mit gewählten Vertretern der Einwohner und einem Bürgermeister fast im heutigen Sinne. Auskunft darüber gibt die „Landgemeindeordnung für die sieben östlichen [preußischen] Provinzen der Monarchie vom 3. Juli 1891". (Im Kreisarchiv unter G1.1/72) Mit dieser Ordnung wurde das Verwaltungsrecht von damals 16 000 Gutsbezirken und 24 000 Landgemeinden vereinheitlicht.

Die rechtliche Unterscheidung bei Befugnissen, Rechten und Pflichten auf Kreisebene zwischen Landgemeinde und Gutsbezirk war kompliziert und geregelt in der Kreisordnung für die Provinzen Preußen, Brandenburg, Pommern, Posen, Schlesien und Sachsen vom 13. Dezember 1872. (Im Kreisarchiv unter G1.1/52)

Schriftliches Recht schaffen bedeutet immer Einschränkung von Willkür. Wie modern und demokratisch die Preußische Landgemeindeordnung von 1891 war, ahnen wir, wenn wir wissen, dass diese Ordnung im preußischen Landtag heftig bekämpft wurde. Die Deutschkonservative Partei lief Sturm. Parteivorsitzender war der Gutsherr (!) und Reichstagsabgeordnete Otto von Helldorff-Bedra. Finanziert wurde die Partei hauptsächlich von ostelbischen Junkern. Das Parteiprogramm war bis ins Detail abgestimmt mit Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck, dem Urpreußen und Reichsgründer und nicht zuletzt Gutsherrn.

Historisch entstanden die preußischen Gutsbezirke als Rechtsform der ländlichen Verwaltung und Bewirtschaftung im Zuge der sogenannten Bauernbefreiung.

Die Leibeigenschaft im mittelalterlichem Sinne wurde im Allgemeinen preußischem Landrecht von 1794 für unzulässig erklärt. Die Bauern bekamen stufenweise immer mehr Rechte. Durch königlichen Erlass von 1807 wurde die Leibeigenschaft dann auch gesetzlich abgeschafft, Stichtag war der Martinstag 1810. Dem absolutistisch-adeligem Königreich Preußen stand militärisch das Wasser bis zum Hals. Es musste die Bauern gewinnen, mitzumachen im „Volkskrieg" gegen Napoleon I. Dessen Propaganda von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit für alle wirkte auch bei den preußischen Bauern, die als engagierte Soldaten gegen die Franzosen gebraucht wurden. Das ermöglichte die berühmten Preußischen Reformen unter dem Freiherrn von Stein und anderen.

Ab dem Martini-Tage 1810 waren die preußischen Bauern persönlich frei. Sie konnten ihren Grundherren verlassen und in der Stadt Arbeit suchen und finden. Dienste, Pflichten und andere feudale Zwänge gegenüber dem Grundherren wurden aufgehoben. Bis dahin musste der Grundherr sogar einer Heirat der Bauern zustimmen! Die Preußischen Reformer konnten den Adel aber nicht völlig entmachten. Deshalb entstanden komplizierte Regelungen und Klauseln, um dem Adel quasi durch die Hintertür alte Rechte zu bewahren.

Im Folgejahr 1811 wurde reguliert, wie der Boden unter den Bauern aufgeteilt werden sollte. Bauern brauchen schließlich Böden. Der Grundherr musste seine Bauern frei geben, die mussten den Grundherren aber dafür entschädigen mit Geld oder Überlassung von Land. Viele Bauern verschuldeten sich deshalb beim ehemaligen Grundherren und waren dadurch doch wieder abhängig.

Das Recht zu gehen, wohin man will, und die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen der „Bauernbefreiung" hatte unter anderem zwei Folgen, die Weltgeschichte machten. Vereinfacht: Bauern, die von ihrem Land nicht mehr leben konnten oder denen das Landleben durch Vorschriften vermiest war, nutzten zwei Möglichkeit: Sie gingen in die Städte und wurden dort zu Fabrikarbeitern, wurden klassische Proletarier, oder sie wanderten nach Amerika aus.

Von vielen Gemeinden des Kreises haben wir im Bestand des Kreisarchivs Akten zu diesen sogenannten Ablöse-Rezessen. Das Wort Rezess oder Rezeß kommt von lateinisch recedere, auseinandergehen, zurückweichen. Es ist ein heute ungebräuchlicher Ausdruck für einen juristischen Vergleich nach Landes- oder Ortsrecht.

Michael Zeng M.A.

Vielen Dank an alle, die geholfen haben mit Rat und Tat.

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