OKTOBER 2013 - Der Ernst des kulturellen Lebens

Vor uns liegt ein festlich wirkender Ordner oder eher ein Sammelalbum. Die einzelnen gelochten A4-Blätter sind nicht auf Bügel gezogen, sondern auf verkleidete Messing-Schrauben gesteckt. Rotes Kunstleder, fester Einband, Goldschrift und eben der Glanz der Messing-Schrauben vermitteln Festlichkeit. Die einzelnen Seiten sind liebevoll gestaltet mit Fotos, buntem Filzstift und Aufklebern.

Wie diese Art von Mappen oder Sammelalben als Büromaterial genannt wurde, ist wohl verlorengegangenes Wissen. Wer es weiß, darf sich gern im Kreisarchiv melden.

monat oktober 2013 1Die Aufschrift BRIGADETAGEBUCH führt irre. Der Inhalt erzählt laut Inschrift auf der ersten Seite: „Aus dem kulturellen Leben (1973 bis 1977) der LPG Pflanzenproduktion 'Salvador Allende´ Bad Tennstedt". Salvador Allende (1908 bis 1973) war von 1970 bis 1973 gewählter Präsident von Chile. Seine Anhänger und er wollten aus Chile einen sozialistischen Staat machen, was an einem Militärputsch unter General Pinochet scheiterte. Es folgten grausame Säuberungsaktionen. Allende entging dem durch Selbstmord.

Wer in der DDR geboren wurde und älter ist als 42, der wird es noch erlebt haben. Mit 18 Jahren traten die meisten Menschen ins DDR-Berufsleben ein. Wer in einem Volkseigenen Betrieb (VEB) oder in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) tätig war, wird sich an seine Brigade erinnern und vielleicht auch noch an das Brigadetagebuch.

Von der Arbeitsorganisation her würde man heute eine Brigade als Team oder Arbeitsgruppe bezeichnen. Die verordnete Gemeinsamkeit überschritt aber meist auch den Feierabend. Brigaden feierten zusammen, unternahmen Ausflüge und übernahmen Patenschaften für Schulklassen. Wie weit diese Geselligkeit und das Engagement über das Verordnete hinaus ging, lag wohl auch an den Persönlichkeiten der beteiligen Menschen.

In den sozialistischen Arbeits-Kollektiven wurden Tagebücher geführt. Wer dazu Lust und Zeit hatte, tat es liebevoll, wer musste – nun ja.

Um so ein Tagebuch eines Kollektivs handelt es sich bei dem Stück, das vor uns liegt. Das Kollektiv war die Belegschaft der LPG „Salvador Allende" in Bad Tennstedt.

Das vorliegende Tagebuch ist von der Gestaltung her eine Mischung aus beschriftetem Fotoalbum und Chronik. Was ist es für den Archivar oder den Historiker? Es ist eine wertvolle Quelle über das gesellschaftliche Leben in der DDR.

Dokumentiert werden etwa dreißig gesellschaftliche Ereignisse. Dazu gehören eine Reise in die Sowjetunion, dem „Land Lenins", Arbeiterfestspiele, Rentnerweihnachtsfeiern, Heimatfeste, ein Winterkonzert nach dem Motto „Wir laden ein zum Fröhlichsein" mit Traude Blecha. Unterhaltung boten auch die Thüringer Folkloristen in einem „unterhaltendem" Programm unter dem Motto: „Thuringia kantat", auf Deutsch „Thüringen singt". Die große Welt schaute in Bruchstedt vorbei im Winterkonzert „Heiteres von der Operette bis zum Musical". Dabei erklang Musik von Offenbach, Loewe und Natschinski. Zu den Rentnern kam sogar Herbert Roth. Wir erinnern uns: Er dichtete die heimliche Hymne Thüringens, das Rennsteiglied.

Die Konzert und Gastspieldirektion des Bezirks Gera ließ Mode vorführen unter dem Titel „Musik, Mode, Mannequin". Versprochen wurde eine heitere und beschwingte Moderevue zu den Klängen der Peritus-Combo. Unter dem Foto vom Plakat zur Veranstaltung finden wir ein Foto vom Publikum: Die heitere Beschwingtheit hielt sich wohl in engen Grenzen.

monat oktober 2013 2Flotten Schwung verraten die Fotos der Frauentagsfeier. Da ging die Post ab. Die Seiten mit den Fotos zur Frauentagsfeier sind besonders liebevoll gestaltet. Wir finden etwas ganz Tolles! Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Aufkleber, beim Anfassen merkt man aber: Schriftzug und Bild sind direkt auf die Seite gezeichnet. Wir lesen in dekorativer Handschrift „Gruß und Dank allen Frauen und Mädchen zum 8. März". Und daneben lächelt uns verschmitzt eine junge Frau an. Die kleine Blonde möchte man(n) gern mal treffen. Die beiden Rosen neben dem gemalten Kopf sind an der richtigen Stelle gezeichnet.

Die Abkürzung DFD im Kopf der Seite bedeutet Demokratischer Frauenbund Deutschlands. Auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration, sprich Militär-Regierung, wurde der DFD 1947 in Ostberlin gegründet. Bei den ersten freien Volkskammerwahlen am 18. März 1990 erreichte der DFD mit 0,33 Prozent der Stimmen ein Mandat. Der DFD bildete mit der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands (DBD) eine Fraktion. Nachdem sich der DFD im August 1990 aufgelöst hatte, wechselte die Abgeordnete des DFD zur FDP-Fraktion. Im Herbst 1990 wandelte sich der DFD dann zu einem gemeinnützigen Verein um.

Zurück nach Bad Tennstedt: Eingeladen zur Frauentagsfeier 1975 in der LPG waren auch sowjetische Frauen aus der Garnison in Bad Langensalza. Überhaupt ausländische Gäste und Reisen: Elf Mal kamen Besucher aus der Sowjetunion, dazu eine Delegation aus Ungarn und eine gemischte Delegation aus Argentinien, Kolumbien und Ecuador. Aus der Tschechoslowakei reisten Studenten an. Die Rentner der LPG besuchten 1974 die Sowjetunion. Wir bedenken: Der Krieg war erst 29 Jahre her.

Die Initiative zu den häufigen Besuchen aus dem Ausland kam wohl vom LPG-Vorsitzenden Josef Aberth aus Ballhausen. Von 1976 bis 1990 war er für die DBD Abgeordneter der DDR-Volkskammer, drei Wahlperioden lang.

Was leider fehlt in der Bilderchronik, sind die Namen der Menschen, die fotografiert wurden. Bald wird niemand mehr wissen, wer auf den Fotos zu sehen ist.  Deshalb hier eine Anregung und Bitte aus dem Archiv: Bei Fotos immer vermerken, wer darauf zu sehen ist. Wir wissen es, unsere Nachkommen nicht mehr.

Michael Zeng

Wie immer vielen Dank an Volker Mock, der die Archivalie ins Internet bringt.

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