NOVEMBER 2013 - Amtliche Volksverhetzung 1938

Am 9. November vor 75 Jahren tobte auch in Mühlhausen das November-Pogrom oder in Nazisprache die „Reichskristallnacht". Zynisch so genannt nach den zersplitternden Fenstern von Synagogen und Geschäften. Ein finsteres und beschämendes Kapitel deutscher Geschichte nahm seinen Lauf. Die Gewalt gegen jüdische Mitbürger war vom Nazi-Staat und den Medien gelenkt und organisiert. Später mündete diese Gewalt in behördlich organisierte und industriell betriebene Vernichtung von Menschen. Deutsche Ordnung und Gründlichkeit erlebten einen perversen Höhepunkt.

monat november 2013Im Kreisarchiv des Unstrut-Hainich-Kreises liegen Zeitungen vom 9. November 1938, die über die Ereignisse berichten. Aber es ist eben kein Bericht über die Einweihung einer Brücke oder eine Naturkatastrophe. Liest man die Artikel, sollte man wissen, warum der Bericht damals so geschrieben wurde.

Der Begriff Pogrom meint einen organisierten gewaltsamen Angriff einer Mehrheit auf eine abgegrenzte Minderheit. Wer zur angegriffenen Minderheit gehört, bestimmen die Angreifer. Das Wort Pogrom stammt aus dem Russischen und kann übersetzt werden mit Verwüstung, Zerstörung, Krawall. Es ist abgeleitet vom russischen Wort „gromitch" (zerstören, demolieren). Mit Pogrom bezeichnet wurden Übergriffe auf Juden im zaristischen Russland in den 1880er Jahren.

Zurück zum 9. November 1938 in Deutschland: Etwa 400 Menschen wurden im Deutschen Reich zwischen dem 7. und 13. November 1938 ermordet oder bewusst in den Selbstmord getrieben. Zerstört und geschändet wurden über 1.400 Synagogen, Gebetsräume und sonstige Versammlungsräume. Dazu kamen tausende zerstörte Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe. Ab dem 10. November wurden ungefähr 30.000 Juden in Konzentrationslager verbracht. Hunderte wurden dort ermordet oder starben an den Bedingungen der Haft.

Das Pogrom am 9. November 1938 kennzeichnet den Wandel von der Diskriminierung der Juden in Deutschland hin zur systematischen Verfolgung und Vernichtung, erst der deutschen jüdischen Mitbürger, später der europäischen Juden.

Wie kam es zum November-Pogrom? Hitlers erklärtes Ziel war die Vernichtung der Juden. Es gelang ihm, dieses Ziel auch zum Ziel seiner Anhänger zu machen. Nachdem Hitler und seine Partei, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), 1933 de facto die staatliche Macht übernommen hatten, wurde die Vernichtung der Juden Staatsziel. Entsprechende Gesetze und Verordnungen wurden erlassen. Der NS-Staat nahm massiven Einfluss auf die Medien. Zeitungen und Rundfunk verkündeten, was der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Goebbels, vorgab. Meist schrieb er die Artikel gleich selber.

Die Mehrheit der deutschen Beamten und Angestellten setzten die Gesetze und Verordnungen um, mit denen die Juden diskriminiert und verachtet wurden. Wir kennen vielleicht noch den Ahnenpass von Oma und Opa. Das war ein amtliches staatliches Dokument, mit dem die nichtjüdische Herkunft nachgewiesen werden musste.

Trotz diskriminierender Gesetze und Verordnungen, trotz ständiger judenfeindlicher Propaganda fehlte ein konkreter Anlass, um ein deutschlandweites Pogrom zu organisieren. Dieser Anlass wurde 1938 gefunden.

Im Oktober 1938 änderte Polen sein Meldegesetz. Das nahmen die Nazis im deutschen Staatsapparat zum Anlass, etwa 18.000 in Deutschland lebende polnische Juden nach Polen abzuschieben. „Polenaktion" nannten die Nazis das. Diese Menschen wurden von einem Tag auf den anderen verhaftet und an die deutsch-polnische Grenze verbracht. Polen verweigerte die Aufnahme. Unter unsäglichen Bedingungen musste ein Teil der abgeschobenen polnischen Juden zuerst an der Grenze verharren und wurde dann in einem polnischen Lager interniert. Am 3. November 1938 erschoss in Paris der dort lebende 17-jährige polnische Jude Herschel Grynszpan den deutschen Botschaftsrat Ernst Eduard vom Rath. In einem ersten Verhör nannte Grynszpan als Motiv Rache für die Abschiebung seiner Eltern nach Polen. Er kam in deutsche Haft. Goebbels plante einen riesigen Schauprozess, in dem nachgewiesen werden sollte, dass das sogenannte „Weltjudentum" hinter dem Mord stecke. Als Grynszpan 1942 zugab, sein späteres Opfer in der Pariser Homosexuellen-Szene kennengelernt zu haben, stoppte Goebbels die Vorbereitungen zum Prozess. Schließlich sagte Hitler selbst den Prozess ab.

Im Herbst 1938 wurde das Pariser Attentat jedoch als Anlass für ein Pogrom inszeniert.

In der aktuellen Archivalie des Monats habe ich Schlagzeilen der Mühlhäuser Gauzeitung „Mühlhäuser Kampf" vom 8. bis zum 21. November 1938 aneinandergereiht. Wir sehen deutlich, wie sich die Hetze verstärkt. Der Mord in Paris führt zur Verurteilung und Verleumdung aller Juden bis hin zur Unterstellung, die Juden wollten den Weltkrieg.

Den Deutschen, denen es vielleicht merkwürdig und übertrieben vorkam, dass man aus einem Mord in Paris solche weltweiten Schlüsse ziehen kann und die sich auf die Seite ihrer jüdischen Mitbürger stellen, diesen „Volksgenossen" wird gedroht: „Nun aber endgültig Schluss damit."

Die Thüringer Gauzeitung „Mühlhäuser Kampf" war damals das offizielle amtliche Mitteilungsblatt der Kreisverwaltung des Kreises Mühlhausen.

Beim Lesen wird einem übel! Hoffentlich wird die deutsche Sprache nie wieder für so einen Dreck missbraucht.

Ein Mord in Paris wurde zum Anlass genommen, 5,6 bis 6,3 Millionen Juden bestialisch industriell zu vernichten. Das werten zu wollen, da versagt die menschliche Sprache. Mir fehlen die Worte.

Für das Studium alter Zeitungen als Quelle für Ereignisse sagt uns die obige Chronik der Schande:
Wir müssen immer genau wissen, wann, was für welchen Zweck geschrieben wurde!

 

Michael Zeng

Wie immer vielen Dank an Volker Mock, der die Archivalie ins Internet bringt.

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