DEZEMBER 2013 - Von der Dramatik einer Bauakte

Mit einem Lächeln gewidmet unseren netten Kolleginnen und Kollegen im Fachdienst Bau und Umwelt.

Ein folgenreicher Teil einer 870-jährigen Geschichte verbirgt sich hinter der Bauakte Herbsleben B 5.2./150 im Kreisarchiv des Unstrut-Hainich-Kreises, der die Altkreise Mühlhausen und Bad Langensalza umfasst.

Am 6. Januar 1958 schloss der Rat des Kreises Bad Langensalza, Abteilung Aufbau, einen Bauleistungsvertrag mit dem VEB (K) Bau Bad Langensalza. Vertragsgegenstand ist laut Paragraf eins der „Abbruch des alten Schlosses in Herbsleben". Als Auftraggeber nennt der Kreis für die Kosten eine „Orientierungssumme" von 201.000 Mark der DDR. Die Angebotssumme betrug schließlich 200.727,00 Mark. Am 10. Januar 1958 sollte begonnen werden, am 10. Mai 1958 musste der Abriss beendet sein.

Mit „Rat des Kreises" ist die Kreisverwaltung während der DDR gemeint. „VEB" bedeutet volkseigener Betrieb und das K in Klammern zeigt an, dass der Betrieb kreisgeleitet war. Nach heutigem Sprachgebrauch wäre dieser Baubetrieb ein Eigenbetrieb der Kreisverwaltung.

Seit dem Jahr 2000 bemüht sich die Gemeinde Herbsleben, das Schloss wieder gangbar zu machen und zu nutzen. Die Erfolge eines rührigen Vereins können in Herbsleben bewundert werden.

Zurück zum Vertragstext von 1958: Paragraf zwei, Absatz c regelt: „Die durch Abbruch gewonnenen Materialien sind getrennt zu lagern, so, dass die Massen, die zum Verkauf vorgesehen sind, festgestellt werden können."

Vom „gewonnenen" Material kaufte die Gemeinde Herbsleben dann für 7.492,25 Mark Kanthölzer, Brennholz, Schalungen, Bruchsteine, Mauerziegel, Falzziegel und Biberschwänze, also Dachziegel mit rundem Abschluss.
Außerdem wurden Bruchsteine, Mauersteine und Holz für den Neubau von „4 WE Herbsleben" verwendet. „WE" ist die Abkürzung für „Wohneinheit" und meint eine Unterkunft, in der ein Haushalt geführt werden kann. Für die genannten direkt wieder verwendeten Materialien zahlte die Gemeinde 1.719,85 Mark an das Bauamt des Rates des Kreises.

monat dezember 2013Zum Vertrag gehört ein Angebot. Dort sind unter Punkt L III die „Unmittelbaren Teilleistungen" aufgeführt. Die PDF-Datei zeigt das Blatt 4 des Angebots.

Abgerissen wurden unter anderem: ein bedachter Balkon, ein Turm mit Fachwerkwänden, eine Freitreppe sowie verschiedene andere Treppen. Immer wieder taucht das Wort „Rittersaal" auf.

Balkon, Turm, Freitreppe, Rittersaal - das weckt Erinnerungen an Dornröschen, Rapunzel, Aschenbrödel oder alte Ritterfilme, in denen Burt Lancaster durchs Gemäuer tobt und am Schluss die schöne Lady kriegt. Unerreicht: Virginia Mayo als Anne de Hesse. In vielen Hollywood-Schinken spielen alte Burgmauern eine tragende Rolle.

Alle Märchen- und Ritter-Romantik wird zerschmettert durch Bauakten-Angaben wie diese: „Stück massive Haupttreppe (Aufgang zum Rittersaal) bestehend aus 45 + 5 Stück 1,60 m breiten Sandsteinstufen freistemmen zur Erdgleiche transportieren und 40 m von der Ausbaustelle lagern."

Zwei Jahre vor dem Abriss, am 23. April 1956, schreibt das Instituts für Denkmalpflege in der Deutschen Demokratischen Republik, Außenstelle Halle, an den Rat des Kreises. Aus dem Schreiben ergibt sich, die Gebäude waren bereits 1956 extrem baufällig. „Der Zustand der Baulichkeit spricht nicht nur allen Bestrebungen der Denkmalpflege Hohn, sondern ist auch in hygienischer und sozialer Hinsicht untragbar." Schon 1953 musste ein Teil des Schlosses gesperrt werden. Laut dem Institut für Denkmalpflege schreite der Verfall des Gebäudes immer weiter voran. Als Grund für die unterbliebene Sanierung gibt das Institut an: „Soweit wir unterrichtet sind, konnten die erforderlichen Sicherungs- und Instandsetzungsarbeiten bisher nicht durchgeführt werden, weil die Witwe des Eigentümers keine Mittel hat und die Mieteinahnen kaum für die auf dem Besitz liegenden Abgaben ausreichen." Eine Kopie des Briefes befindet sich in der Materialsammlung des Kreisarchivs zur Gemeinde Herbsleben.

Warum genau der Rat des Kreises den Abriss zwei Jahre später verfügte, muss noch recherchiert werden. Die Bauakte sagt dazu nichts aus.

Michael Zeng

Wie immer: Vielen Dank an Volker Mock, der die Archivalie ins Internet bringt.

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