APRIL 2014 - Gefallen für den Führer...

... nicht für Volk und Vaterland!

Im Kreisarchiv des Unstrut-Hainich-Kreises befinden sich rund 23 laufende Meter Personenstandsakten wie Registerbücher für Geburten, Heiraten und Todesfälle. Die Register stammen aus Standesämtern der Gemeinden des Kreises.

monat april 2014Im Sterberegister des Standesamtes Neunheiligen vermerkt ist unter der Registernummer 22/1946 der Tod eines 43-Jährigen. Karl Adam Schütze wurde 1902 in Offenbach / Hessen geboren und starb als Soldat der Wehrmacht.

Im Registereintrag heißt es: „(...) am 8. April 1945, Todesstunde unbekannt, bei den Kämpfen in Marolterode gefallen."

Am 1. April 1945 überquerten amerikanische Truppen der 3. US-Armee unter General Patton jr. die Werra in Richtung Thüringen. Die Amerikaner umgingen zunächst die größeren Städte und befanden sich am 3. April auf der Linie Meiningen-Suhl-Gotha-Langensalza-Mühlhausen. (1)

Am 6./8. April wurden amerikanische Panzer im Marolterode von deutschen Sturmgeschützen beschossen. Die Kämpfe dauerten Stunden. Auf beiden Seiten starben Soldaten.. Zwanzig deutsche Gefallene vom 8. April wurden am Abend von den Dorfbewohnern geborgen und später in einem Gemeinschaftsgrab auf dem Kirchhof beigesetzt. Während der Kampfhandlungen befand sich die Bevölkerung für mehrere Tage evakuiert in Schlotheim. (2)

Am 12. April besetzten die Amerikaner Erfurt und Weimar.

Am 16. April verkündete ein Aufruf der amerikanischen Militärregierung unter Major D. F. Carey die Übernahme der staatlichen und militärischen Macht. Der Aufruf erschien am 28. April im Mühlhäuser Anzeiger, der damaligen Tageszeitung in unserer Region. Der Krieg war in Thüringen zu Ende. (3)

Für Deutschland dauerte der Krieg noch weitere zwei Wochen. Am 8. Mai wurde die bedingungslose Kapitulation unterschrieben. Der zweite Weltkrieg war in Deutschland zu Ende.

Um was kämpften deutsche Soldaten am 8. April in Marolterode?

Vermutlich mussten sie kämpfen, sonst wären sie wegen Befehlsverweigerung von den eigenen Leuten erschossen worden. Aber warum bekamen diese jungen Männer den Befehl noch zu dieser Zeit auf amerikanische Panzer zu schießen? Damit den Krieg zu wenden, konnte niemand ernsthaft glauben.

Einen Hinweis liefert die Ausgabe des Mühlhäuser Anzeigers vom 21. März 1945 (3).
Es ist die letzte Ausgabe vor der Ausgabe mit dem erwähnten Aufruf der Amerikaner. Dazwischen erschien kein Mühlhäuser Anzeiger.

Am 21. März tobte im Anzeiger noch der gedruckte Zynismus: Thüringens oberster staatlicher Nazi, Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar Fritz Saukel fordert in der Überschrift von den Thüringern „Standhaftigkeit, Treue und Vertrauen in die eigene Führung".

Saukel macht Angst vor den amerikanischen und sowjetischen Truppen. Er nennt diese „Invasionsheere". Weiter lobt Saukel, wie gut es den überfallenen Völkern unter deutscher Besatzung gegangen sei: „Ordnung und Wohlfahrt unter deutscher Besatzung". Weiter gibt er „dem Weltjudentum" die Schuld. Schließlich fordert er Vertrauen in die deutsche Führung also in den Führer und dessen Repräsentanten.

Saukel schließt seinen Aufruf mit: „Es lebe der Führer! Es lebe das deutsche Volk! Heil Hitler!"

In einem anderen Artikel vom 21. März schwört Reichsorganisationsleiter Dr. Ley die Deutschen ein: „Das [deutsche Volk] stirbt oder siegt. Von diesem Sieg bin ich zutiefst überzeugt."

Einen „Sieg" konnte sich selbst Dr. Ley nicht ernsthaft mehr ausrechnen. Er kannte die Gesamtsituation. Gerade hatte er die Front besucht. Er fordert also das Sterben des deutschen Volkes. Die Soldaten am 8. April 1945 in Marolterorde haben Dr. Leys Forderung erfüllt. Sie starben für den Untergang.

Wir fragen uns: Wofür musste in Marolterode gestorben werden?

Der Führer und seine Nationalsozialisten führten das deutsche Volk in den Untergang. Vom ersten bis zum letzten Tag der Naziherrschaft über Deutschland wurden auch Deutsche getötet und in den Tod getrieben, vor dem Krieg in Konzentrationslagern, im Krieg an der Front. Der zweite Weltkrieg, den die Nazis entfesselten, war auch ein furchtbarer Vernichtungskrieg gegen das eigene Volk. Das sollten wir nie vergessen.

Die Soldatengräber in Marolterode mahnen uns. Die jungen Männer starben sinnlos. Sie starben für den Führer, auf keinen Fall starben sie für das Volk! Dem Volk kann nur nützen, wer lebt.

Michael Zeng

 

Wir danken Herrn Mock für die Zusammenarbeit.

 

Literatur und Quellen:

(1) Angaben über den Kriegsverlauf in Westthüringen 1945 aus: Reinhard Jonscher, Kleine thüringische Geschichte. Jena 1993, S. 248.

(2) Mehr dazu in: Jürgen Möller, Der Kampf um Nordthüringen im April 1945. Bad Langensalza 2010, S. 38-39 und 94.

(3) Im Kreisarchiv unter Signatur P 111.

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