MAI 2014 - Kennen Sie Ihre Urgroßmutter?

Oma und Opa, die kennen wir. Opa hat uns geholfen, wenn das Fahrrad mal kaputt war, bei Oma gab´s immer unser Lieblingsessen. Süßigkeiten sowieso.

Manchen von uns können sich auch noch an die Urgroßeltern erinnern. Aber meist starben die in unserer Kindheit oder frühen Jugend. Nur ein paar Erinnerungen leben in uns. Nur einigen von uns haben Großeltern etwas Schriftliches oder Fotos hinterlassen.

An meine Urgroßeltern erinnere ich mich auch nur schwach. Sie starben 1979 und 1983. Da war ich noch sehr jung, maximal ein Schulkind.

Was können wir tun, wenn wir etwas über unsere Urgroßeltern herausfinden wollen?
Wir könnten unsere Recherche beginnen mit den sogenannten Personenstandsakten unserer Urgroßeltern.

Seit dem 1. Oktober 1874 wurde in Preußen standesamtlich erfasst, wann und wo ein Mensch geboren wird, heiratet und stirbt. Das galt auch für die Menschen in den Kreisen Mühlhausen und Langensalza. Die beiden Altkreise, aus denen der Unstrut-Hainich-Kreis hauptsächlich besteht, wurden 1816 von den Preußen gebildet. Sie gehörten zur preußischen Provinz Sachsen, Regierungsbezirk Erfurt.

Die gesetzlichen Grundlagen zum modernen staatlichen Personenstandswesen beschloss der preußische Landtag am 23. Januar 1874. Das Gesetz über die Beurkundung des Personenstandes und die Form der Eheschließung war quasi nichts weniger als eine Entmachtung der Kirchen auf dem Gebiet von Geburt, Ehe und Sterben. Gesetzlich ab dem 1. Januar 1876 waren die Kirchen und Synagogen nicht mehr zuständig.

Auf Deutsch: Die Menschen konnten ab 1874 beziehungsweise 1875 auch außerhalb der Kirche oder Synagoge heiraten. Nur die Eheschließung auf dem Standesamt war nötig, um gesetzlich verheiratet zu sein. Besonders für Arbeiterinnen und Arbeiter in den großen Städten war das wichtig. Sie waren vom Dorf in die Stadt gezogen, um in den großen Fabriken zu arbeiten. Nun mussten sie sich keiner Kirchgemeinde anschließen und konnten preiswert heiraten. Gleich nach Inkrafttreten des Gesetzes wurden 1875 in Berlin nur noch 19 Prozent der Ehen kirchlich geschlossen. Wie das in Thüringen aussah, ist uns zurzeit nicht bekannt, in den größeren Städten vermutlich ähnlich.

Für das gesamte Deutsche Kaiserreich folgte am 6. Februar 1875 eine einheitliche Regelung für das Personenstandswesen, veröffentlicht im Reichsgesetzblatt von 1875, Seite 23 bis 40. Das Reichsgesetzblatt kann im Kreisarchiv eingesehen werden, Signatur G 1.5 / 13.

Innerhalb bestimmter Fristen nach 1874 haben wir im Kreisarchiv Personenstandsakten verschiedener Gemeinden des Unstrut-Hainich-Kreises. Jüngere Personenstandsakten befinden sich noch in den zuständigen Standesämtern. Das ist geregelt im Personenstandgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

monat mai 2014Wir erfahren sehr viel aus Personenstandsakten. Im Wandel der Zeiten wurden mal mehr mal weniger Angaben in den Registereinträgen vermerkt.

Im Geburtenbuch des Standesamtes Mülverstedt fand ich die Meldung über die Geburt meiner Urgroßmutter. Im Registereintrag Nummer eins von 1900 heißt es:

„Mülverstedt, am 23. Februar 1900. Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute, der Persönlichkeit nach bekannt der Schuhmacher Heinrich Christoph August Louis Faupel wohnhaft in Mülverstedt Nr. 108 evangelischer Religion, und zeigte an, daß von der Johanne Wilhelmine Christine Faupel geborene Faupel, seiner Ehefrau evangelischer Religion wohnhaft bei ihm zu Mülverstedt in seiner Wohnung am einundzwanzigsten Februar des Jahes tausend neunhundert vormittags um acht Uhr ein Mädchen geboren worden sei und daß das Kind die Vornamen Minna Louise erhalten habe. Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben Louis Faupel. Der Standesbeamte Schütz."

Unten trägt der Registereintrag den gestempelten Randvermerk. „Tod des Kindes: Standesamt Mühlhausen Nr. 380/1979"

In was für ein Jahrhundert wurde die kleine Minna Louise hineingeboren? Mit 14 erlebte sie den Beginn des ersten Weltkrieges. Eine 18-Jährige war sie, als wieder Frieden herrschte. Als erwachsene Frau mit 39 musste sie wieder mit ansehen, wie ein Krieg begann. Ihr Ehemann und ihr Sohn mussten für Hitler in den Kugelhagel. Bis sie 45 war, hoffte und bangte sie täglich um Sohn und Mann. Die DDR-Zeit verbrachte meine Urgroßmutter in der Landwirtschaft. Sie starb 1979 in Mühlhausen, wie der Randvermerk festhält.

Wir im Kreisarchiv finden, es lohnt sich, über unsere Vorfahren nachzudenken. Die amtlichen Notizen über Geburt, Heirat und Sterben bieten die Möglichkeit, die eigene Vergangenheit zu erforschen oder zumindest mal nachzudenken, woher wir kommen.

Wir im Kreisarchiv beraten Sie gern.

Michael Zeng
Kreisarchiv des Unstrut-Hainich-Kreises

PS: Wie immer danken wir Herrn Mock, der die Archivalie des Monats schnell ins Internet bringt.

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