OKTOBER 2014 - Deutsch – polnisch – jüdisch

Das Kreisarchiv des Unstrut-Hainich-Kreises pflegt auch Akten der Stadt Schlotheim. In der Akte „Kriegschronik" 1915-1916 (1) findet sich eine Ausgabe der „Grodnoer Zeitung" vom 25. Februar 1916. Zwei Seiten sind in Deutsch, je eine in Polnisch und eine in Jüdisch gedruckt.
In der Akte aus der Zeit des Ersten Weltkrieges sind verschiedene Medien zusammengebunden: Broschüren, Zeitungsausschnitte, Zeitungen handschriftliche Notizen, Rechnungen und anderes.

Zeitung und andere Schriftstücke der Akte führen uns in das düsterste Kapitel des Ersten Weltkriegs und in die Wirren der osteuropäischen Geschichte. Wieder eine Spur Weltgeschichte als Archivalie.

Vor hundert Jahren begann der Erste Weltkrieg. Er veränderte die Welt für immer. Die Zivilisation wurde modern. Der Krieg wurde modern. Kämpften zu Beginn noch Mann und Pferd gegen Mann und Pferd oder gegen Kanonen, so bekämpften sich am Schluss die Besatzungen von Panzern und Flugzeugen, U-Booten und modernen Kriegsschiffen. Auch der Einsatz von Giftgas begann im Ersten Weltkrieg. Die Gasmaske gehört seit damals zur Ausrüstung der Soldaten.

Der Krieg wurde zum Krieg der Maschinen. Schlachten Mann gegen Mann wurden zu Materialschlachten und zu Stahlgewittern, wie Ernst Jünger das nannte. Die Leistungsfähigkeit der Industrie und der Wettstreit um tödliche Technologien wurden wichtig für Sieg oder Niederlage von Kriegsparteien.

Die Ausgabe der Grodnoer Zeitung in allen drei Sprachen wird beherrscht von der Rubrik „Amtlicher Kriegsbericht". Als Quelle des Berichtes ist angegeben: „WTB. Großes Hauptquartier, 24. Februar. (Drahtbericht.) Amtlich".

Die Abkürzung WTB. steht für Wolffs Telegraphisches Bureau, ein damals weltumfassender telegrafischer Informationsdienst. Der Nachrichtendienst wurde 1849 vom jüdischen Medien-Unternehmer Bernhard Wolff gegründet und 1934 in Nazideutschland verstaatlicht.

monat oktober 2014Das Hauptquartier des deutschen Heeres verkündete also am 24. Februar 1916:

Westlicher Kriegsschauplatz: Der Erfolg östlich der Maas wurde weiter ausgebaut. Die Orte Brabant, Haumont, Samogneux wurden genommen. Das gesamte Waldgebiet nordöstlich Beaumont sowie das Herbebois sind in unserer Hand. Südlich Metz wurde ein vorgeschobener französicher Posten überrascht und in seiner Stärke von über fünfzig Mann gefangen genommen.

Oestlicher Kriegsschauplatz: Auf dem nördlichen Teile der Front lebhafte Artilleriekämpfe. An zahlreichen Stellen fanden Patrouillengefechte statt. Sonst keine besonderen Ereignisse.

Balkan-Kriegsschauplatz: Nichts Neues."

Wen das erinnert an Buch und Film „Im Westen nichts Neues" von Erich Maria Remarque, der hat recht. Im Film wird gezeigt, was „nichts Neues" heißt: einzelne tödliche Schüsse, schreiende, kreischende, stöhnende Verwundete in den Sanitärstationen und Lazaretten, Angst, Tränen, heulende Mütter, Kinder und Väter, zerstörte Dörfer, Städte, Landschaften.

Am 21. Februar 1916 hatte in Frankreich begonnen, was später die Schlacht um Verdun genannt werden sollte. Das Gemetzel dauerte bis zum 21. Dezember, zehn Monate! Ergebnis: über 380.000 Tote, Verwundete, Vermisste; kaum eine Veränderung der Front; aber eine totale Verwüstung. Ein Wald und eine Festung wurden kurz und klein geschossen. Stündlich gingen durchschnittlich 10.000 Granaten und Minen vor Verdun nieder. Bis zu 4.000 Geschütze waren im Einsatz. So was gab es nie zuvor.

Zurück zur Grodnoer Zeitung vom 25. Februar. Warum erschien die Zeitung auf Deutsch, Polnisch und Jüdisch? Die Stadt Grodno liegt im heutigen Weißrussland in der Nähe der Grenzen zu Litauen und Polen. Bevor im Ersten Weltkrieg die Stadt von 1915 bis 1919 von deutschen Truppen besetzt wurde, war die Stadt russisch, litauisch und polnisch, oft abwechselnd und wiederholt durch kriegerische Auseinandersetzungen und die Teilungen Polens. Der größte Teil der Einwohner waren katholische Polen und Juden. Um 1900 war sogar die Hälfte der Einwohner jüdisch.

Die Grodnoer Zeitung war also ausgerichtet auf die Deutschen Soldaten und auf den größten Teil der Einwohner der Stadt. Wahrscheinlich sogar auch auf die jüdischen Soldaten, die im deutschen Heer kämpften. Aus verschiedenen Quellen geht hervor, dass im Ersten Weltkrieg über 85.000 deutsche Juden im deutschen Heer gedient haben. Von diesen sind etwa 12.000 gefallen. Durch den Kriegsdienst erhofften sich die Juden Anerkennung als Deutsche unter Deutschen. Viele waren glühende Patrioten. Nach dem Krieg, 1919, wurde sogar ein Reichsbund jüdischer Frontsoldaten gegründet. Erst die Nationalsozialisten tilgten die Rolle der deutschen jüdischen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Informationen darüber wurden sogar von Grabmalen gekratzt, die Überlebenden im Holocaust vernichtet.

Aber wie kam die Grodnoer Zeitung nach Schlotheim? Einziger Hinweis: In die rechte obere Ecke der Zeitung ist gekritzelt: „Herzlich Gruß Rudolph". Wer diesem Hinweis nachgehen möchte, ist herzlich willkommen im Kreisarchiv des Unstrut-Hainich-Kreises.

Michael Zeng

 

PS: Wie immer danken wir Herrn Mock, der die Archivalie ins Netz bringt.

 

Quellen:
(1) Akte Kriegschronik Schlotheim, 1915 – 1916, Signatur Schlotheim II (Rudolstädter Bestand) 388.

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