FEBRUAR 2015 - Eineinhalb Nachrichten über Fasching

Wenn wir wissen wollen, was wann los war, dann schauen wir in die Zeitung. Chroniken oder Monografien gibt es nicht über den Alltag eines jeden Tages. Allein Zeitungen berichten täglich. Wir wissen: Auch im Pressetext steht viel Wahrheit zwischen den Zeilen.

In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg beschreibt die Tageszeitung „Thüringer Volk" das tägliche Geschehen. Ich habe gesucht nach der ersten Nachricht über Fasching nach dem Krieg.

monat februar 2015 1Diese Ersterwähnung fand ich am 8. Februar 1948. Berichtet wurde über eine Faschingsfeier in einem Kindergarten am Blobach in Mühlhausen. Einsam und allein stand diese Meldung zwischen Berichten über Entnazifizierung, den Wiederaufbau, Reden und Aufrufen von Walter Ulbricht, Huldigungen an Stalin und die Sowjetunion sowie gemischten Nachrichten.

Unsere Region stand damals unter sowjetischer Besatzung. Sie SMAD, die Sowjetische Militäradministration in Deutschland, war kein Karnevalsverein. Und Stalin und Ulbricht gingen auch nicht als Ulknudeln in die Geschichte ein. Es sei denn, jemand findet den Witz „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten" lustig. Diese Humorlosigkeit hielt Einzug in die Presselandschaft. Keine Berichterstattung über Fasching und Karneval. Oder gab es Fasching nicht? Ich glaube es nicht. Aber das müsste erforscht werden.

Im Artikel „Karneval zog ein" wird geschildert, wie Kinder und „Tanten" Fasching feiern. Das Publikum sind die Mütter. Es gab einen närrischen Einzug und „manche Nummern". Erwähnt wird auch ein junges Mädchen, das „eifrig" musiziert hat. Ein „buntes und ansprechendes Programm" wurde „abgerollt". Am Rosenmontag machten Tanten und Mütter für die Kinder Programm. Berichtet wird das in denkwürdigem Deutsch:

„Am Montag fand eine kleine Faschingsfeier für die Insassen des Kindergartens statt, in der die Kleinen auf ihre Kosten kamen."

 Insassen!

Die Schilderung des Geschehens zeigt: Dem Autor, der Autorin, und auch der Leserschaft ist der Ablauf von Faschingsfeiern und Karneval geläufig. Es gibt einen Einzug, es gibt „Nummern".

In der Zeitung fehlen die Berichte über Faschings- oder Karnevalsfeiern für Erwachsene. Laut Zeitung gab es keine große Feier, keinen Umzug, nichts.

Die ganze Zeitung ist frei von Hinweisen auf Karneval. Die ganze Zeitung?
Aber auch hier finden wir das kleine gallische Dorf mit Asterix und Obelix. Hier heißt es Niederdorla und die Helden Ludwig und Nicolai.

monat februar 2015 2Gleich neben dem kleinen Artikel über den Fasching im Kindergarten steht ein Bericht über ein „Sangesfest" in Niederdorla.

Ein ernstes „Sangesfest" in Niederdorla am Faschingswochenende? Wer´s glaubt, ist närrisch.
Zischen den Zeilen schallt´s Helau!

Am Anfang des Artikels „bewies" sich der Männerchor noch als „Pfleger des deutschen Volksliedes". Dann wurde es „heiter und besinnlich". Die „Begeisterung aller Zuhörer [fand] im starken Beifall ihren Ausdruck." Nun wurde die Stimmung „angeregt". Es folgte die Operette „Rheinische Liebe, rheinischer Wein" von Carl Siber. Für den Reporter ein „anspruchsloses Singspiel". Aber an was denken wir zur Faschingszeit am Ufer des Rheins? Der deutscheste deutsche Strom, der Vater Rhein, trägt Narrenkappe und schunkelt mit der Donau.

Setzen wir nun beim Lesen die Lupe ans Auge:

Den Schauspielern wird „spielerische Hingabe und Einfühlungsvermögen" attestiert. Da haben wir's:

„Besonders Schneidergeselle Zwirn (Gerhard Ludwig) stach durch seine humorvolle Dreistigkeit hervor, während Emanuel (Albert Nicolai) in seiner Tölpelrolle die Grenzen der Komik zur Albernheit nie überschritt und eine künstlerisch wirklich hervorragende Leistung vollbrachte, die die Anwesenden immer wieder zu Begeisterungsausbrüchen hinriß."

Wer diesen gewaltigen Satz voller Hauptwort-Kolosse und Beiwort-Kolonnen überstanden hat ohne zu schnarchen, der weiß es nun: Eigentlich wurde hier auf subversive Weise Karneval gefeiert.

Das Langweiler-Deutsch des Artikels tarnt das gut:

„Jedenfalls wurde [der Zweck des Abends] den Gästen des Chores ein paar frohe Stunden zu bereiten, 100 prozentig erreicht."

Nur das Heroische übertönt noch die Öde der Sprache des Artikels:

„Der beste Dank für die ausgezeichneten Sänger und ihren selbstlosen Leiter."

Wir danken auch. Wir wissen nun, unsere Urgroßeltern und Großeltern konnten spätestens 1948 schon wieder deftig feiern. Gut so! Und „Helau!"

 

Michael Zeng

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